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TU Berlin

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Walter-Höllerer-Vorlesung

Einmal im Jahr findet, jeweils zum Ende des Sommersemesters, die Walter-Höllerer-Vorlesung statt, die sich an eine breite, akademisch interessierte Öffentlichkeit richtet. Mit ihr erinnert die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin an den Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Höllerer (1922-2003) und seinem Einsatz für die Universität als Ort der Geistesgegenwart im „technischen Zeitalter“.

Vor 12 Jahren war der Schweizer Germanist und Schriftsteller Peter von Matt der erste Redner in dieser Reihe, in der seitdem Männer und Frauen ganz unterschiedlicher Profession für ihre Arbeiten auf dem Feld von Wissenschaft, Kunst und Kultur durch eine Einladung geehrt wurden. Dabei waren neben den verschiedenen historischen Geisteswissenschaften auch die Hirnforschung und die Primatenforschung vertreten. Die Vorlesung im Jahr 2010 war dem ehemaligen Studenten der TH Berlin und Erfinder der ersten programmgesteuerten Rechenmaschine, Konrad Zuse, gewidmet. Sie wurde gemeinsam bestritten vom Schriftsteller F.C. Delius und dem Informatiker Bernd Mahr, dem 2015 verstorbenen langjährigen Mitglied der Freundesgesellschaft. 

Inwiefern will die Walter-Höllerer-Vorlesung mit dieser thematisch breiten, fächerübergreifenden Ausrichtung an die Aktivitäten ihres Namensgebers erinnern, der von 1959 bis 1988 Literaturwissenschaft an der TU Berlin lehrte und daneben auch als Literaturkritiker und Schriftsteller hervortrat? Zum einen hat Walter Höllerer dem Kulturleben seiner Stadt Impulse gegeben, die bis heute spürbar sind. So hat man ihn in neueren Würdigungen den „Erfinder des Literaturbetriebs“ genannt, nicht zuletzt im Blick auf seine Gründung des Literarischen Kolloquiums, des in der Vielzahl und Qualität seiner Veranstaltungen weiterhin einzigartigen Literaturhauses am Wannsee. Auf jeden Fall war Walter Höllerer auf maßgebliche Weise daran beteiligt, daß die Stimme der deutschsprachigen und internationalen Literatur im Nachkriegsberlin wie im Nachkriegsdeutschland wieder ein konstitutiver Bestandteil der Öffentlichkeit werden konnte. Die von Walter Höllerer zu Beginn der sechziger Jahre organisierte Lesereihe Literatur im technischen Zeitalter wurde nicht nur ein großer Publikumserfolg, sondern zugleich auch ein legendäres Fernsehereignis. 

Die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin erinnert mit dieser Vorlesung aber auch an eine wichtige Seite des Hochschullehrers und öffentlichen Intellektuellen Walter Höllerer. So rief er 1961 eine Zeitschrift ins Leben, deren heute sprichwörtlich gewordener Titel kurze Zeit später auch bei der Benennung des neugegründeten literaturwissenschaftlichen Instituts Verwendung fand: Sprache im technischen Zeitalter. Vor dem Hintergrund einer immer weiter voranschreitenden Ausdifferenzierung der universitäten Wissenschaft in einander sprach- und verständnislos gegenüberstehende Teilgebiete, war damit ein gemeinsamer zeitdiagnostischer Bezugspunkt markiert: der tiefgreifende Wandel der Lebenswelt im Zeichen neuer intelligenter Technologien. Der Philosoph Gotthard Günther, der in seinen Schriften schon früh auf diese Entwicklungen antwortete, sprach damals von trans-klassischen Maschinen, insofern sie sich nicht mehr an der Mechanik und Energetik der menschlichen Arbeit, sondern an den neurophysiologischen Prozessen des Gehirns orientierten. Das Schlagwort, unter dem diese veränderte Lage in den fünfziger und sechziger Jahren verhandelt wurde, lautete: Kybernetik. Ich will dieses Thema hier nicht vertiefen, sondern nur kurz erwähnen, daß der Philosoph Arnold Gehlen, auf dessen vielgelesenen Essay Die Seele im technischen Zeitalter von 1957 Walter Höllerer ja bewußt anspielte, gegenüber der Kybernetik als Theorie der Regelungstechnik feststellte, die technischen Wissenschaften hätten sich hier zu  einem Erkenntnisinstrument in Bezug auf das menschliche Denken und Verhalten gewandelt und damit genau das Gebiet betreten, auf das bis dahin allein die Geisteswissenschaften Anspruch erhoben hatten. Die Technik sei heute, wie Gehlen schrieb, „in den Mittelpunkt der menschlichen Weltauslegung und damit auch seiner Selbstauffassung“  vorgerückt. Norbert Miller, der im vergangenen Jahr hier an dieser Stelle gesprochen hat, hat vor einiger Zeit noch einmal an Walter Höllerers anhaltende „Freude an der Kybernetik“  erinnert wie auch daran, daß keineswegs alle in seinem Umfeld Tätigen dieses Interesse zu teilen vermochten.

Die Walter-Höllerer-Vorlesung 2019 wurde von Prof. Dr. Petra Gehring (TU Darmstadt) zum Thema "Ethik als Technik" gehalten. Sie fand am 11. Juli um 18 Uhr c.t. in Hörsaal H 104 statt. Einführung: Prof. Dr. Eva Geulen (Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung) 

Bioethik, Klima-Ethik, Roboter- und IT-Ethik, Ethics by Design: Der Ethikbedarf in hochtechnisierten Gesellschaften ist enorm. Benötigen wir Technikethik, um mit neuen Technologien zurechtzukommen? Bettet Ethik Technik ein, bremst sie Technologieentwicklung und macht sie Techniken mit Hilfe einer philosophischen Perspektive „humaner“? Dies scheint jedenfalls eine der gesellschaftlichen – und auch politischen – Erwartungen an Ethik zu sein.

Nimmt man das Phänomen „angewandter Ethik“ näher unter die Lupe, sieht die Sache allerdings anders aus. Ethik ist hier etwas Neuartiges: eine Art semi-wissenschaftlicher Expertise. Das ‚Prinzip Diskurs‘, dem die Ethik sich verpflichtet sieht – von Hearings, Podien, Talkshows und Kommissionsarbeit bis zu Unterrichteinheiten im Schulunterricht – verschafft ihr überdies eine machtvolle gesellschaftliche Präsenz, die über eine bloße Bremswirkung weit hinausgeht. So lohnt es sich zu fragen: Wie steht Ethik zu Politik und Recht? Und: Was leistet genau sie eigentlich im Feld der Techniken, mit denen sie sich – Bioethik mit Biotechniken, IT-Ethik mit Digitaltechnologien – befasst?

Aus der Perspektive des Vortrages dreht sich der Befund damit um: Ethik richtet sich nicht aus großem Abstand (z.B. skeptisch, reflektierend oder kritisch) auf Technik, sondern ist ihrem Gegenstand begrifflich, argumentativ wie auch professionell eng verbunden – gerade in der Phase, in welcher neue Technologien noch dabei sind, sich zu etablieren. „Ethik als Technik“ soll heißen: Es gibt Gründe, die Form namens Ethik selbst als Teil der Techniken zu betrachten, von denen sie spricht. Angewandte Ethik ist selbst eine Ermöglichungsinstanz, eine enabling technology. Wenn Ethik in Gesellschaften wie unserer in dieser Weise produktiv ist, etwas leistet, bleibt allerdings die Frage: Was leistet sie und für wen?

Petra Gehring ist seit 2002 Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Einen besonderen Schwerpunkt innerhalb ihres breiten Forschungsinteresses als Wissenschafts- und Technikphilosophin bilden die neuen Technologien (Biotechniken, informationstechnische Systeme) in ihren Wirkungen auf unser Denken und Handeln. Seit 2017 ist sie Vorsitzende des Rates für Informationsinfrastrukturen der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder. Ihre jüngsten Publikationen behandeln den Stellenwert von Computersimulationen als Instrument der Forschung und das Verhältnis von Biologie und Ethik. Demnächst erscheint im Harrassowitz Verlag ein vor ihr mitherausgegebener Tagungsband zum literarischen und technikphilosphischen Werk von Stanislaw Lem.

Website von Petra Gehring an der TU Darmstadt

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